Teilprojekt 7: Migrationserfahrungen im Spiegel der Kunst Orte der Begegnung 1 und 2 / KUNSTAKTION ERASMUS-PARAVENT

Erasmus-Paravent zum Thema „Flucht und Migration“ im Foyer der IGS Stromberg
Improvisierte Bühne
Malprozess im Kunstsaal
Entstandene Schattenbilder
Zwischenpräsentation im Foyer

Eva Maria Schickle
IGS Stromberg, Juli 2020

Der Erasmus-Paravent wurde während des türkischen Gegenbesuchs von unserer Partnerschule in Balikesir (18.10.2019 bis 24.10.2019) in enger Zusammenarbeit zwischen Schülern und Lehrern der IGS Stromberg (Deutschland) und Adnan Menderes Anadolu Lisesi (Türkei) erstellt. Der Paravent thematisiert in Form eines großformatigen Gemäldes menschliche Situationen auf der Flucht. Er besteht aus zwölf Einzelplatten aus Pressspan im Format 2,0 m x 0,60 m, die zu einer zusammenhängenden Paravent-Formation aneinander montiert wurden, die auch flexibel in sechs Doppel-Tafeln zerlegt werden kann. Auf dem Paravent finden sich von Schülern und Lehrern in Zusammenarbeit entwickelte Bildmotive, die in Acrylmalerei auf den Paraventplatten verwirklicht wurden. Das großformatige Objekt wurde im Eingangsfoyer der Schule direkt neben der großen Wandkarte aufgestellt, in der sukzessiv Immigrations- bzw. Fluchtgeschichten einzelner 􏰉􏰔􏰕􏰅􏰙􏰄􏰓􏰋􏰏􏰙􏰓􏰎􏰒􏰎􏰁„Musterkuben“, die ebenfalls innerhalb des Erasmus-Projektes entstanden sind und in ihrer Funktion als einfache Sitzgelegenheit zum Verweilen und Austauschen einladen.

Phase 1: Entstehung der Grundidee zum Paravent

Die Idee zu dem Projekt bzw. der Aktion entstand in ersten Ansätzen auf dem Rückflug aus der Türkei als die gemeinsamen Aktionen unseres dortigenAufenthaltes im Herbst 2019 reflektiert wurden. Es wurde klar, dass ein starkes Bedürfnis nach einer gemeinsamen Aktion mit einem konkreten, greifbareren Ergebnis vorhanden war, gleichzeitig aber sollte es ein Produkt sein, in der auch für die ganze Schulgemeinschaft der IGS Stromberg das Erasmus-Projekt präsenter werden sollte.

Phase 2: Einstimmung und Motivfindung (Auftaktvortrag)

􏰐􏰕􏰂􏰃􏰎Den Auftakt für die Themen- bzw. Motivfindung bildete ein Vortrag von Leyla Takim, die sehr ausführlich ihre􏰒􏰓􏰎 􏱁􏰕􏰎􏰄􏰎􏰗􏰡 􏰍􏰜􏰦􏰼  eigene Integrationsgeschichte von der Türkei nach Deutschland beschrieb und dabei sehr anschaulich sowohl Gründe als auch Umstände und emotionale Belastungen darlegte. Der Vortrag wurde von einer Art Diashow begleitet, in dem Bildmaterial aus den 1960er Jahren, in denen Deutschland massiv um türkische Gastarbeiter warb, verwendet wurde. Dieses Bildmaterial stellte Benjamin Schönborn von der IGS Stromberg zusammen. An dem Vortrag nahmen alle Beteiligten des Erasmus-Projektes teil. Dem sehr bewegen- den Vortrag folgten eine Vielzahl an Fragen zu der damaligen Situation.

Phase 3: Gruppeneinteilung in eine Filmgruppe und in eine Malgruppe

Nach dem Vortrag wurden Schüler sowie Lehrer in zwei große Arbeitsgruppen eingeteilt. Hierbei wurden persönliche Begabungen aber auch ein 1:1-Verhältnis von türkischen zu deutschen Teilnehmern berücksichtigt. Beide Gruppen sollten, durch den Vortrag angeregt und sensibilisiert, praktisch-kreativ zu dem 􏱁􏰕􏰎􏰄􏰂Thema "Flucht und Migration" arbeiten. Während Gruppe 1 sich 􏰈􏰁􏰅􏰨􏰨􏰎 der filmischen und szenischen Umsetzung widmete und in drei Untergruppen eingeteilt sehr unterschiedliche Kurzfilme zu dem Thema entwickelte, widmete sich die Gruppe 2 der malerischen Gestaltung eines großen Paravents zu dem Thema.

Phase 4: Arbeit in Gruppe 2 „Erasmus-Paravent“

Schritt1: Schattenbilder - Phase der Empathie

In einem ersten Schritt wurde im Foyer mit Hilfe der "Musterkuben" eine Art Bühne geschaffen, vor der weißen 􏰇􏰗 􏰎􏰓􏰗􏰎􏰄 􏰎􏰁􏰃􏰋􏰎􏰗  Leinentücher gespannt wurden, die von hinten mit Overhead-Projektoren angestrahlt wurden, so dass eine Art Schattentheater entstand. Spontan formierten sich Schüler- und Lehrergruppen, die sich gemeinsam zu dem Themenbereich Flucht und Migration in Szene setzen. Verschiedene Requisiten wie Koffer, Taschen, Hüte, Tücher etc. inspirierten die Darsteller zu den unterschiedlichsten Szenen, in denen Angst, Traurigkeit, Liebe, Abschied, Streit und Verfolgung im Mittelpunkt standen. Die sich ergebenden Schattenbilder wurden von Eva Schickle und einigen Schülern mit ihren handys fotographisch festgehalten und später an einem zentralen Ort gespeichert, um sie als Ausgangspunkt für eine große Motiv-Collage zu verwenden, die letztendlich als großes Gemälde auf den Paravent-Platten umgesetzt werden sollte.

Es wurde ein sehr intensives Miteinander, in dem regelrecht mit Händen und Füßen kommuniziert wurde und alle Hemmungen, ein möglicherweise schlechtes Englisch zu sprechen, abgelegt wurden. Sowohl die „Schauspieler bzw. Pantomimen“ auf der Bühne als auch die Zuschauer waren voll gefordert, denn ohne Rückmeldung und Anweisung der Zuschauer, welches Schattenbild gut und ausdrucksvoll ist, hätten die Akteure auf der Bühne nicht gut agieren können. So entstanden unterschiedliche Szenen, wie die von
dem erschreckenden Schatten des „Schleppers“ (von einem türkischen Lehrer dargestellt) mit einem Boot voller Flüchtlinge im Hintergrund, rennende männliche Flüchtlinge, die zuguterletzt mit erhobenen Händen und auf den Knien das ersehnte rettende Ufer bzw. die Grenze erreichen. Auch Szenen eines streitenden wartenden Liebespaares und ihr Kuss, sowie die verzweifelte schwangere Mutter, die dem pubertierenden Sohn eine Ohrfeige verpasst, standen im Mittelpunkt - was zeigt, wie die Jugendlichen letztendlich auch ihr eigenes Leben in das Bild brachten.

Der Austausch der Lehrer und Schüler war sehr intensiv und die gemeinsam erstellten Bilder, in denen man doch auch selbst verewigt wurde, schufen eine große Gemeinsamkeit über alles Sprachliche hinweg. Erfreulich war, dass durch die zentrale Lage der Bühne im Foyer letztlich jeder, der vorbei kam, einfach eingebunden wurde und auch ein Teil der szenischen Formfindung wurde.

Schritt 2: Sichtung und Sondierung der geeigneten Schattenbilder und Erstellen einer Bildkomposition

In einem nächsten Schritt wurden die Schattenbilder, die fotographisch festgehalten worden waren, gesichtet. Die Bilder, die am geeignetsten erschienen, wurden ausgesucht und auf Overhead-Folien gedruckt. Im Plenum wurden nun die Größe der Figuren, ihre mögliche räumliche Schichtung und Platzierung im Gesamtzusammen-hang diskutiert und entschieden. Mit Hilfe von Overhead-Projektoren wurden nun die Umrisse der ausgewählten Schattenbilder auf die vorgrundierten 12 Pressspanplatten projiziert und die Umrisse der Figuren mit Bleistift aufgetragen.

Schritt 3: Malerische Umsetzung und interkultureller Austausch

Da für die malerische Umsetzung nur wenig Zeit zur Verfügung stand, entschloss die Gruppe sich für eine 􏰎􏰓􏰗􏰛􏰂􏰔􏰕􏰎 􏱔􏰺􏰔􏰕􏰓􏰏􏰎 􏰣􏰂􏰁􏰍􏰏􏰎􏰍􏰅􏰗􏰏 􏰓􏰄 􏰘􏰂􏰙􏰋􏰡􏰾􏰂􏰁􏰄􏰡􏰘􏰌􏰗􏰋􏰁􏰂􏰃􏰋 􏰅􏰗􏰒 􏰎􏰓􏰗􏰎􏰗 􏱔􏰌􏰋􏰋􏰎􏰗 􏱖􏰓􏰄􏰨􏰁􏰎􏰃􏰃􏰓􏰌􏰗􏰓􏰃􏰋􏰓􏰃􏰔􏰕􏱗 􏰦􏰓􏰁􏰚􏰎􏰗􏰒􏰎􏰗 Farbauftrag. Der Hintergrund sollte warm in einer Aprikot-Orange-Modulation angelegt werden, während die Figuren in Blauabstufungen von Dunkel- bis Hellblau gefasst werden sollten. So erscheinen die blauen Figuren geradezu dem Dunkel des Meeres entsprungen, über das sie in ihrer beschwerlichen Reise gekommen sind. Das warme Aprikot erinnert an die Farbgebung eines Sonnenunterganges, der nicht nur das Ende des Tages einläutet, sondern auch auf das Ende der Flucht und das Ankommen in einem neuen geschützten Heim verweist.

Für die Ausführung fanden sich unter Anleitung des Kunst-Leistungskurses (Klasse 12) und Eva Schickle jeweils Zweier- bis Dreier-Gruppen zusammen, die je eine der zwölf Holzplatten bemalten. Die Gruppen waren bunt gemischt und boten intensiven interkulturellen Austausch und Anlass zu einigem Humor. Bald lösten sich die festgelegten Gruppen auf, da sich für verschiedene technische Aspekte unterschiedliche 􏰉􏰨􏰎􏰜􏰓􏰂􏰙􏰓􏰃􏰋􏰎􏰗 􏰛􏰂􏰗􏰒􏰎􏰗 􏰅􏰗􏰒 􏰒􏰎􏰄 􏰳􏰓􏰙􏰒 􏰒􏰎􏰗 􏰀􏰗􏰒􏰃􏰔􏰕􏰙􏰓􏱘 􏰥􏰎􏰁􏰨􏰂􏰃􏰃􏰋􏰎􏰗􏰼

Nicht nur die Schüler beteiligten sich aktiv, sondern auch das Lehrpersonal beider Seiten, das sich gleichberechtigt und tatkräftig in die kreativen Kleingruppen mit einfügte. Hinzu kam, dass durch die offenen Türen des Kunstsaales immer wieder Passanten des normalen Schulbetriebes blickten und interessiert nachfragten, was denn da gemacht würde. Manche der Passanten waren gar so begeistert, dass sie sich in ihren Freistunden anboten weiter zu malen und gar nicht aufhören wollten.

Schritt 4: Präsentation und Nutzung des Paravents

Sehr schnell entstand ein beeindruckendes Ergebnis, das allen gefiel. da alle sehr stolz auf das Kunstwerk waren, wurden die bemalten Platten ins Foyer getragen und dort zum Trocknen gegen die Wand des Mehrzweckraumes gelehnt. Erst in den folgenden Tagen wurden sie mit Scharnieren versehen, so dass ein freistehender Paravent entstand. Die Rückseite des Paravents wurde strahlend weiß gestrichen und sollte unter anderem zum Anheften von Informationen und Ergebnissen des Erasmus-Projektes dienen.

Mittlerweile ist der Paravent zu einem festen Bestandteil des Eingangs der Schule geworden. In seiner Größe und Farbigkeit dominiert er das Foyer und heißt die Schüler beim Betreten des Schulhauses jeden 􏰵􏰌􏰁􏰏􏰎􏰗Morgen Willkommen. fast scheint es, als würden sie Teil des dargestellten "Flüchtlingsstromes". Die Identifikation ist groß, da die Schüler in den Umrissen zum Teil sich selbst, Mitschüler und Lehrer erkennen können und sich darüber hinweg auch mit den dargestellten Motiven beschäftigen.

􏰎􏰓􏰗􏰏􏰎􏰍􏰅􏰗􏰒􏰎􏰗 􏰦􏰅􏰁􏰒􏰎 􏰅􏰗􏰒 􏰂􏰅􏰔􏰕 􏰎􏰓􏰗 􏱁􏰎􏰓􏰙 􏰒􏰎􏰁 􏰃􏰜􏰎􏰗􏰓􏰃􏰔􏰕􏰎􏰗 􏰣􏰌􏰁􏰄􏱕􏰗􏰒􏰅􏰗􏰏 􏰦􏰅􏰁􏰒􏰎􏰼